Stellungnahme zu den Ankündigungen von BM Maria Holzleitner vom 22. Juni 2026.
Die Abschaffung der Kettenvertragsregel und die Stärkung der inneruniversitären Demokratie sind von Beginn an Kernforderungen von NUWiss (Netzwerk Unterbau Wissenschaft). Als österreichweites Netzwerk, das sich seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft einsetzt, begrüßen wir daher ausdrücklich die Ankündigung von Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner, den Kettenvertragsparagraphen (§109 UG) abzuschaffen, ein Faculty-Modell statt der Kurienhierarchie einzuführen und ein stärkeres Mitspracherecht des Senats zu verankern.
Wichtiges Zeichen zur Stärkung der Universitäten
NUWiss sieht in den angekündigten Reformen ein wichtiges Zeichen für die Stärkung der Studierenden sowie des akademischen Personals im jetzigen „Mittelbau“ – jener Gruppe des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals also, die eine Vielzahl von Verwaltungs- und Gremienaufgaben sowie den Großteil der Lehre übernimmt. Laut Universitätsbericht 2020 sind davon ca. 80% in befristeten bzw. prekären Anstellungsverhältnissen beschäftigt. Eine rechtliche Angleichung ans Angestelltenrecht halten wir für zentral. Es ist nicht einzusehen, dass Mitarbeiter:innen, die sich bis zu 12 Jahren an einer Universität bewähren müssen, keine unbefristeten Verträge in Aussicht gestellt werden. Das ist fatal hinsichtlich Motivation und “Braindrain” sowie für die Lebensplanung der Betroffenen.
Einführung nachhaltiger Personalstrukturen
Durch die geplante Abschaffung der sogenannten Kettenvertragsregel (§109 UG) werden Rektorate indirekt dazu aufgefordert, einen Personalstruktur- und Personalentwicklungsplan auf allen Ebenen auszuarbeiten – von der studentischen Mitarbeit bis zur Professur. Ein unbefristeter Vertrag bedeutet auch, vollen Anspruch auf Karenz zu erhalten – dieser Anspruch endet derzeit mit dem Ende des Dienstverhältnisses eines zumeist sehr kurzen, befristeten Vertrags. Durch die Angleichung ans Angestelltengesetz (AngG) müssen jedoch die Kündigungsgründe, z. B. beim Wegfall von Forschungsgelder aus Drittmittel oder Bündelung von Lehre- und Forschungsschwerpunkten, sehr gut überdacht bzw. neu ausverhandelt werden.
Faculty statt Kurien: Ein Gewinn für alle
Darüber hinaus begrüßt NUWiss die langersehnte Abschaffung des archaischen Kuriensystems. Das angekündigte „Faculty-Modell“ ermöglicht hier einen Ausbau inneruniversitärer Demokratie und eine Verringerung persönlicher Abhängigkeiten. Wie die Ministerin selbst betont, finden sich solche Modelle im europäischen Kontext bereits vielfach in Anwendung – insbesondere in Belgien, den Niederlanden und in Skandinavien. Sie bauen darauf auf, Kompetenzen zu nutzen, Kooperationen zu fördern und vor allem die Arbeitsbelastung (“Work Load”) gezielt und fairer unter den Beschäftigungsgruppen zu verteilen. Diese Maßnahme sollte auch die zunehmende Arbeitsbelastungen der Professor*innen oder der Angestellten mit Care-Tätigkeiten verringern. Für wichtig halten wir auch die angekündigte Stärkung der Senate und der inneruniversitären Demokratie. Eine Re-Demokratisierung der Universität darf nicht bei den Senaten halt machen, sondern muss dabei auch die Mitspracherechte der Studierenden, des derzeitigen Mittelbaus sowie der Betriebsrät*innen mitdenken, um die vorherrschende Top-down-Logik zu durchbrechen.
Wichtige Weichen gestellt, aber Umsetzung bleibt offen
Mit den angekündigten Reformen könnten wichtige Weichen gestellt werden, um die österreichischen Universitäten in die Zukunft zu führen und sowohl gute Arbeits- und Forschungsbedingungen, als auch bessere Studienbedingungen sicherzustellen. Gerade in budgetär unsicheren Zeiten sind die genannten Änderungen wichtig, um die Prekarität nicht noch mehr zu verschärfen. Die bloße Ankündigung ist jedoch zu wenig! Sie erfordern großteils umfangreiche Gesetzesänderungen, die nur gemeinsam in wohldurchdachten Partizipationsprozessen sowie mit den Koalitionspartner:innen umgesetzt werden können. Inwiefern hier bereits Einigkeit besteht, lässt die Ministerin in ihrer Ankündigung allerdings offen. In diesem Sinne appelliert NUWiss an die gesamte Bundesregierung die geplanten Änderungen der Ministerin zu unterstützen. Unklarheit besteht außerdem nach wie vor im Hinblick auf das zukünftige Budget der Universitäten. Die lautstarken Proteste der ca. 28.000 Studierenden und Lehrenden, die am 27. Mai 2026 in Wien stattgefunden haben, dürfen nicht ignoriert werden: Neben der Umsetzung einer umfassenden Reform des Universitätsgesetzes braucht es rasch Klarheit über die finanziellen Rahmenbedingungen, um die Universitäten langfristig zu stärken.
Wir sehen uns in unserer jahrelangen Arbeit endlich bestätigt. Wenn die Änderungen tatsächlich wie angekündigt umgesetzt werden, würde das zu massiven Verbesserungen auf allen Ebenen führen. Wir bleiben gespannt.


Liebe Kolleg:innen der NUWiss,
die Ankündigung der Ministerin, dass der §109 (Kettenvertragsregelung) abgeschafft werden soll, ist zwar prinzipiell zu begrüßen, ob der tatsächliche Effekt für den Mittelbau positiv oder negativ wird, hängt aber vollends von der konkreten Umsetzung ab.
Das allgemeine österreichische Arbeitsrecht erlaubt eine einmalige befristete Beschäftigung; mehrmalige befristete Beschäftigung in direkter Abfolge ist nur begründet erlaubt. Die Wissenschaft (und die Künste) sind hier ausgeschlossen, durch den §109 Universitätengesetz der befristete Vertrags“ketten“ erlaubt.
Wenn diese Paragraph nun einfach abgeschafft wird, dann könnte das im schlimmsten Fall jedoch ganz konträt der Intention darauf hinauslaufen, dass wir im Mittelbau nur noch EINEN EINZIGEN – nach wie vor befristeten – Vertrag haben können, wonach 99% von uns freilich wie bisher nicht entfristet werden, sondern nicht mehr angestellt werden dürfen und exiten müssen (an eine andere Universität, ins Ausland, oder aus der Wissenschaft). Das entspräche einer gravierenden Verschlimmbesserung, wie bereits früher durch die 8-Jahres-Begrenzung der Kette geschehen.
Was es tatsächlich bräuchte wäre vielmehr die aktive Vorgabe an die Universitäten, unbefristete Verträge auszugeben – sowie das Budget, diese zu finanzieren.
Extrem wichtig wäre es ebenso, die 8-Jahres-Begrenzung für eingeworbene Drittmittelprojekte sofort aufzuheben. Aktuell darf man selbst eingeworbene Drittmittelprojekte an einer Universität nicht durchführen, wenn man an die 8-Jahresgrenze stößt, was wirklich wilder Nonsens ist. Zudem wäre eine klare Aussicht auf Entfristung bei wiederholt maßgeblichen akademischen Leistungen (zB mehrfaches Einwerben von Drittmittelprojekten) sehr wichtig!
Bitte NUWiss geht in Kontakt mit dem Ministerium und erklärt ihnen was verschiedene Schritte in der Realität bewirken, damit dieser „große Wurf“ wirklich eine Verbesserung und keine Verschlimmbesserung wird!
Lieber Paul,
vielen Dank für deinen Kommentar. Wir sehen das ganz ähnlich wie du: mit der Abschaffung des 109er allein ist es nicht getan, es braucht auch weitere flankierende Maßnahmen damit es zu echten Verbesserungen kommt. Die Abschaffung des 109er ist dennoch ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Zum Glück können Universitäten ja noch nicht vollkommen auf Mitarbeiter:innen verzichten. Sie werden also Mittel und Wege finden müssen, um diese Mitarbeiter:innen anstellen zu können. Wenn befristete Anstellungen nicht mehr möglich sind, werden das also vermehrt unbefristete Anstellungen sein müssen. Das sehr liberale Kündigungsrecht in Österreich ist da natürlich sehr doppelschneidig. Keinesfalls sollten Kündigungen zur Norm werden und so die bisherige Befristungspraxis ersetzen. Wir haben diese und weitere Bedenken bereits ans Ministerium rückgemeldet und sind jedenfalls weiter darum bemüht, dass die Stimmen des Mittel- und Unterbaus im Zuge der Diskussionen um die Änderungen auch wirklich gehört werden. Komm doch gerne auch zu einem unserer Vernetzungstreffen – wir freuen uns über alle, die mitmachen wollen!
Philipp
(für NUWiss)